18.03.2025

Von einer Study Nurse – Einblicke aus dem Klinikalltag 

Klinische Studien sind essenziell für den medizinischen Fortschritt. Doch was passiert, wenn Patient*innen aufgrund von Sprachbarrieren, kognitiven Einschränkungen oder anderen Faktoren nicht ohne weiteres teilnehmen können? Als Study Nurse erlebe ich täglich, wie schwierig es ist, vulnerable Gruppen angemessen in Studien einzubeziehen – oder sie nicht ungewollt auszuschließen. 

Wer darf teilnehmen – und wer nicht? 

Ein Patient ohne Hörgerät, eine blinde Patientin, ein Mensch, der aufgrund einer neurologischen Erkrankung nicht selbst einwilligen kann – wer entscheidet, ob diese Personen in einer Studie berücksichtigt werden? Oftmals sind es formale Kriterien, die darüber bestimmen. Dabei sollte nicht nur die rechtliche Einwilligungsfähigkeit, sondern auch die praktische Unterstützung bei der Kommunikation eine Rolle spielen. 

Ein Beispiel: Die Studie zur Erkennung von Stürzen mittels KI zeigt, wie Sprachbarrieren eine Herausforderung darstellen. Viele Patient*innen, die nicht deutsch sprechen, werden von einer Teilnahme ausgeschlossen, obwohl KI-gestützte Übersetzungen den Zugang erleichtern könnten. Doch genau solche Technologien kommen in der Praxis noch zu selten zum Einsatz. Dies führt dazu, dass vulnerable Gruppen, die von der Forschung profitieren könnten, nicht berücksichtigt werden. 

Dokumentation entscheidet über Datenqualität und Studienvalidität 

Auch die Dokumentation ist ein entscheidender Faktor. Ein Sturz, der nicht im System eingetragen ist, „existiert“ nicht – und beeinflusst damit auch die Studienergebnisse. Ich erinnere mich an eine Patientin, die mehrfach gestürzt war. Erst bestätigte sie dies, dann nicht mehr. Pflegekräfte und Ärzt*innen gaben unterschiedliche Auskünfte. Am Ende wurde der Sturz als „Beinahe-Sturz“ deklariert und nicht dokumentiert. 

Um solche Unklarheiten zu vermeiden, haben wir in unserem interprofessionellen Team klare Kriterien für die Definition und Dokumentation eines Sturzes erarbeitet. Diese Kriterien werden regelmäßig überprüft und geschult, um eine einheitliche Erfassung zu gewährleisten. Da die Sturzprophylaxe eine pflegerische Tätigkeit ist, sollte die Pflege das letzte Wort haben, wenn es darum geht, ob ein Sturz als solcher dokumentiert wird. 

Zusätzlich setzen wir auf eine verbesserte Kommunikation zwischen Pflege, Ärzt*innen und Studienteam. Durch standardisierte Checklisten und klar definierte Prozesse wird sichergestellt, dass Stürze zuverlässig erfasst und korrekt bewertet werden. So können wir nicht nur die Qualität unserer Studie verbessern, sondern auch das Verständnis für Sturzrisiken im klinischen Alltag schärfen. 

Wie kann man inklusiver forschen? 

Es geht nicht nur darum, wer teilnehmen darf, sondern auch darum, wie wir die Teilnahme ermöglichen können. Dazu gehören: 

Barrierefreie Kommunikation: Leichte Sprache, Übersetzungshilfen, visuelle Unterstützung. 

Flexibilität in der Einwilligung: Gibt es alternative Wege, um Zustimmung zu dokumentieren (z. B. mündlich mit Zeugen)? 

Bessere Schulung für medizinisches Personal: Wie erkennt und dokumentiert man wichtige Informationen richtig? 

Klare Verantwortung für pflegerische Tätigkeiten: Die Pflege sollte maßgeblich in Entscheidungen zur Sturzbewertung eingebunden sein. 

Letztlich ist die Frage: Wie gestalten wir Studien so, dass alle, die betroffen sind, auch daran teilnehmen können – ohne unnötige Hürden? Ein echter Fortschritt in der Medizin ist nur dann möglich, wenn auch die verletzlichsten Patient*innen mit einbezogen werden.

Institut für medizinische Informatik

Kip-sdm@charite.de

+49 30 450 570 425

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